Johannes
Kepler ist heute vor allem wegen der drei von ihm entdeckten Gesetzen
der Plane-
tenbewegung bekannt, die er 1609 und 1619 veröffentlichte. Doch war
dies keineswegs seine
einzige wissenschaftliche Leistung: er machte bedeutende Entdeckungen
auf dem Gebiet der
Optik, untersuchte regelmäßige Körper und mit welchen geometrischen
Formen man eine
Fläche bzw. einen Raum vollständig ausfüllen kann (wobei er auch
die Form der Waben ei-
nes Bienenstocks erklärte), gab den ersten Beweis der Rechenregeln
des Logarithmus und
dachte sich eine völlig neuartige Methode zur Volumenberechnung aus,
die im Nachhinein
als Beitrag zur Entwicklung der Integralrechnung angesehen werden
kann. Darüber hinaus
berechnete er die genauesten bis dahin bekannten astronomischen
Tabellen, die viel zur Etablierung des heliozentrischen Weltbildes
beitrugen.
Kepler wurde in Weil der Stadt in
Schwaben geboren, und 1576 zog er mit seinen Eltern ins
nahe gelegene Leonberg um. Sein Vater war Söldner und seine Mutter
Tochter eines Gast-
wirts. Johannes war ihr erstes Kind, und als er 5 Jahre alt war, sah
er seinen Vater zum letz-
ten Mal (wahrscheinlich starb er in Ausübung seines Berufs im Krieg
in den Niederlanden).
Fortan lebte und arbeitete er mit seiner Mutter in der Gastwirtschaft
seiner Großeltern, wobei
er häufig die Gäste mit seinen außergewöhnlichen Rechenkünsten überraschte.
Nach der
Schulausbildung studierte er an der Universität Tübingen, einer
Hochburg des Protestantis-
mus.
Kepler war tiefreligiös. Er war
davon überzeugt, dass Gott das Weltall nach einem mathema-
tischen Plan erschaffen hatte, und empfand es als seine christliche
Pflicht, diesen göttlichen
Plan zu verstehen.
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| In Tübingen wurde Kepler
von Michael Maestlin, einem der damals führenden Astronomen, unterrichtet, allerdings zunächst noch im geozentrischen Weltbild des Ptolemäus. Schon in seiner ersten Publikation
schlug Kepler vor, die wirklichen Bahnen der Planeten zu beobachten anstatt sie mit den ptolemäischen Kreisen zu berechnen. Außer
Astronomie studierte Kepler auch Griechisch und Hebräisch, was notwendig war um viele Schriften im Original lesen zu können, die Unterrichtssprache war dabei Latein. |

Maestlin |
Am Ende des ersten Studienjahres erhielt Kepler in allen Fächern außer
Mathematik die Bestnote. Möglicherweise hatte ihm Maestlin die Bestnote deshalb
verweigert, weil er ihm klar machen wollte, dass er noch bessere Ergebnisse erzielen könnte, denn er
hatte bereits Keplers
außergewöhnliche Fähigkeiten erkannt und ihn auch mit Kopernikus’
Idee eines heliozentrischen Weltbilds bekannt gemacht, das Kepler sofort als das
physikalisch richtige erkannte.
Keplers religiöse Überzeugungen
standen im Widerspruch zur offiziellen Lehrmeinung der Kirche, und wahrscheinlich auch deswegen übersiedelte Kepler ins niederösterreichische
Graz.
1612 wurde er exkommuniziert, was ihn hart traf, doch trotz seines
hohen Ansehens als Mathematiker gelang es ihm nie, den Bann aufheben zu lassen.
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In seinem ersten
kosmologischen Modell
setzt Kepler die Sonne ins Zentrum und
weist dem Mond, der im ptolemäischen
Weltbild wie auch die Sonne ebenfalls
als Planet gegolten hatte,
eine Sonder-
rolle zu, für die er später den Begriff
„Satellit“ (also Begleiter) verwendete
und vorschlug, ihn auch für die von
Galilei entdeckten Jupitermonde zu
benutzen. Dabei erklärt er die Abstän-
de zwischen den Planetenbahnen auf
eine heute äußerst mysteriös anmuten-
de Weise:
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- Die Bahn des Saturn (der äußerste
damals bekannte Planet) kreist auf einer gedachten
Kugel um die Sonne. Setzt man in diese Kugel einen Würfel, der
mit seinen 8 Ecken die
Kugel berührt (d.h. der Würfel wird der Kugel einbeschrieben),
und in diesen Würfel
wiederum eine Kugel, die die 6 Seitenflächen des Würfels berührt
(d.h. die Kugel wird
dem Würfel einbeschrieben), so verläuft die Bahn des Jupiters
auf dieser inneren Kugel.
- Beschreibt man dieser Kugel nun
ein Tetraeder ein und diesem Tetraeder dann wieder
eine Kugel, so verläuft die Bahn des Mars auf dieser Kugel.
- Beschreibt man dieser Kugel dann
ein Dodekaeder ein und diesem Dodekaeder wieder
eine Kugel, so verläuft die Bahn der Erde auf dieser Kugel.
- Beschreibt man dieser Kugel ein
Ikosaeder ein und diesem Ikosaeder eine Kugel, so verläuft die Bahn der Venus auf dieser Kugel.
- Beschreibt man schließlich
dieser Kugel ein Oktaeder ein und diesem Oktaeder eine Kugel, so verläuft die Bahn des Merkur auf dieser Kugel.
Mit dieser „Erklärung“ glaubte
Kepler den göttlichen Plan bei der Erschaffung des Universums
erkannt zu haben, da sie alle damals bekannten Planeten mit allen fünf
regelmäßigen Körpern in einen Zusammenhang bringt. Tatsächlich weichen
die wirklichen Abstände der Planetenbahnen zufällig um weniger als maximal 10% von den auf diese
theoretische Weise angegebenen Abständen ab. Außerdem konnte dieses Modell erklären, dass die
inneren Planeten Merkur und Venus, die also zwischen Erde und Sonne liegen, nur in der Nähe
der Sonne gesehen
werden können.
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| Kepler stellte allerdings
selbst fest, dass die angegebenen Distanzen nicht
genau mit den Beobachtungsdaten überein stimmten, hoffte jedoch, dass
bessere Beobachtungen sein Modell bestätigen würden. Daher sandte er
ein Exemplar seiner Arbeit an Tycho Brahe, einen dänischen
Astronomen,
der damals in Prag, zu der Zeit die Hauptstadt des Heiligen Römischen
Reiches, arbeitete und die umfangreichsten und genauesten astronomischen Beobachtungen durchgeführt, aber nicht veröffentlicht hatte.
Brahe
suchte gerade einen mathematischen Assistenten, und Kepler erhielt den
Posten. |
Brahe |
Zunächst beobachteten sie den Mars, um seine Bahn zu bestimmen.
Bisher hatte man es für
selbstverständlich gehalten, dass Planetenorbits Kreisbahnen sind und
daher jeweils nur relativ wenige Bebachtungsdaten gebraucht, um eine solche Kreisbahn zu
bestimmen. Mit den
wesentlich umfangreicheren Beobachtungsdaten Brahes erkannte Kepler
nun, dass die Bahn
des Mars eine Ellipse ist, in deren einem Brennpunkt sich die Sonne
befindet (und zwar ohne
die Kenntnis des Gravitationsgesetzes von Newton, mit dem man dies
leicht berechnen kann,
sondern lediglich durch genaue Beobachtung), und dass sich der Mars
genau so schnell bewegt, dass eine gedachte Verbindungslinie zwischen Mars und Sonne in
gleichen Zeiträumen
gleich Flächen überstreicht. Kepler entdeckte auch, dass beide
Eigenschaften für alle Planeten zutrifft, was heute 1. und 2.
Keplersches Gesetz heißt. Die Berechnungen dabei waren so um
fangreich, dass Kepler selbst sie „Mein Kampf mit Mars“ nannte,
doch stimmten die Ergebnisse
so genau mit der Realität überein, dass sie selbst heutigen
Ansprüchen genügen.
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camera obscura |
Da seine Arbeiten ganz
wesentlich von genauen Beobachtungsdaten
abhingen, setzte sich Kepler auch mit der optischen Grundlagen der
Fernrohre auseinander. Er schrieb die erste korrekte mathematische
Theorie über die camera obscura, entdeckte die Arbeitsweise des
menschlichen Auges mit einem auf dem Kopf stehenden Abbild auf
der Retina und konstruierte eine neue Art von Fernrohr mit zwei konvexen Linsen und einem auf dem Kopf stehenden Bild (heute Astronomisches Fernrohr genannt). |
Keplers Jahre in Prag verliefen zunächst ungestört und waren
wissenschaftlich außerordentlich produktiv. Doch Ende 1611 starben Keplers 7-Jähriger Sohn (an
dem er besonders hing,
weil er ihn oft an seine eigene Kindheit erinnerte) und seine Frau.
Ferner wurde König Rudolf
durch seinen Bruder Matthias abgelöst, der im Gegensatz zu Rudolf den
Protestanten keine
Glaubensfreiheit gewähren wollte. Daher musste Kepler Prag verlassen,
und er kehrte nach
Linz zurück.
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| Seine erste Ehe scheint
aus Liebe geschlossen worden zu sein (obwohl sie durch einen Heiratsvermittler zustande kam), doch als Kepler jetzt erneut heiratete, war es ein Frage der praktischen Notwendigkeit. Seine zweite Frau lernte Keplers Charakter in einem CrashKurs kennen, als er während der Hochzeitsfeier feststellte, dass der
Weinlieferant das Volumen der Weinfässer abschätzte, indem er einen Stock durch das Spundloch diagonal durch das Fass steckte,
und Kepler sofort darüber nachdachte, welcher Zusammenhang zwischen der Länge des Stocks und dem Volumen des Weinfasses besteht, wobei er die „Kepler’sche Fassregel“ entdeckte und dazu
Methoden benutzte, die als Vorläufer der Integralrechnung anzusehen
sind. |
Kepler’ sche Fassregel |
Keplers wichtigste Aufgabe war die Erstellung astronomischer Tafeln
aufgrund der Beobachtungsdaten Brahes, was ihm am meisten am Herzen lag, waren aber die
Untersuchungen, die
er in der „Harmonie der Welt“ veröffentlichte, seiner zweiten
Arbeit über Kosmologie, die mathematisch besser begründet ist als die erste, aber immer noch das
Modell der regelmäßigen
Körper enthält. Ferner untersucht
Kepler darin systematisch Mosaike, beweist, dass es genau
13 konvexe halbreguläre Körper gibt (die sogenannten archimedischen
Körper), und macht
erste Hinweise auf zwei nicht konvexe halbreguläre Körper und stellt
fest, dass die Quadrate
der Umlaufzeiten zweier Planeten im gleichen Verhältnis stehen wie
die Kuben der Radien
ihrer Orbits (heute 3. Kepler’sches Gesetz genannt).
Während Kepler an der „Harmonie
der Welt“ arbeitete, wurde seine Mutter der Hexerei angeklagt. Er nahm die Hilfe der juristischen Fakultät der Universität
Tübingen in Anspruch, und Katharina Kepler wurde schließlich freigelassen, wohl auch wegen
formalen Fehlern bei der Anwendung der Folter. Kepler setzte seine Arbeit fort. Auf seiner Reise
nach Württemberg zur
Verteidigung seiner Mutter hatte er eine Arbeit von Vincenzo Galilei,
dem Vater Galileos, über
Musik gelesen, die er in der „Harmonie der Welt“ mehrfach zitiert.
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Napier |
Das Berechnen
astronomischer Tafeln bedeutet sehr schwere Rechenarbeit,
und so war Kepler froh, als er 1616 die 1614 erschienenen
Logarithmentafeln
Napiers zur Verfügung hatte. doch warnte ihn Maestlin davor ihnen zu
trauen, da niemand wisse wie sie funktionierten (ähnliche Bedenken wurden
in
den 1960er Jahren gegenüber den ersten Computern vorgebracht!).
Diesen
Vorbehalt entkräftete Kepler, indem er die Logarithmengesetze bewies
und
dabei eine über jeden Verdacht erhabene Quelle benutzte: die Elemente
Euklids. Kepler berechnete 8-stellige Logarithmen, die er in den
Rudolfinischen
Tafeln 1628 veröffentlichte). |
Keplers astronomische Tafeln bauten nicht nur auf Tychos
Beobachtungsdaten, sondern auch
auf den beiden ersten Kepler’ schen Gesetzen auf. Daher waren sie
genauer und konnten die
Planetenbahnen für mehrere Jahrzehnte berechnen, während die bis
dahin üblichen, nur auf
Beobachtung aufbauenden Tafeln nur wenige Jahre gültig blieben. Mit
der Zeit wurde diese
Überlegenheit der Kepler’ schen Tafeln zum Beleg für die
Richtigkeit seiner Gesetze und damit für das heliozentrische Weltbild.
So führte die Erfüllung von Keplers stupider Pflicht als Kaiserlicher Hofmathematiker gleichzeitig zur Erfüllung seines sehnlichsten
Wunsches, das Kopernikanische Weltbild zu etablieren.
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| Als Kepler die
Rudolfinischen Tafeln veröffentlichte, arbeitete er nicht
mehr für den Kaiser, sondern für Wallenstein, der von Kepler vor
allem
astrologisch beraten werden wollte. Kepler musste zwar gehorchen,
wies aber wiederholt darauf hin, dass es nicht möglich sei, aus dem
Lauf der Sterne Vorhersagen für den Fortgang des irdischen Lebens zu
machen. Er wusste zwar, dass Himmelskörper Auswirkungen auf die
Erde haben, wie z.B. die Sonne die Jahreszeiten und der Mond die
Gezeiten hervorruft, hatte aber für die Astrologie nur Verachtung
übrig.
Nach einer kurzen Krankheit starb
Kepler in Regensburg, wo er auf Reisen war um Geld einzutreiben, das ihm für die Erstellung der Rudolfinischen
Tafeln noch zustand. Er wurde auf dem örtlichen Friedhof beerdigt, der aber in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges verwüstet
wurde, do dass nicht von Keplers Grab erhalten blieb. |
Wallenstein |
Das Werk Keplers erscheint im modernen Sinne rationale Wissenschaft
zusein, doch darf nicht
übersehen werden, dass Kepler so tief im christlichen Glauben
verwurzelt war, dass er nichtnur die Welt selbst, sondern auch ihren Schöpfer untersuchen und
verstehen wollte.
Zitate von Kepler
- Er lehnt die neuen Erkenntnisse
ab, die er selbst nicht hat und anderen nicht glaubt, und
ergeht sich in
kindischen Streitereien über eine Welt, die es angeblich nur auf
dem Papier gibt; er verleugnet die Sonne, weil er blind ist.
(in einem Brief an Galileo
über einen von Galileos Gegnern)
- Wahrheit ist die Tochter der
Zeit, und ich bin gerne die Hebamme.
- Ich wollte Theologe sein und war
unglücklich, weil ich es nicht war. Jetzt bin ich glücklich, weil ich Gott auch durch meine astronomischen Forschungen
preisen konnte.
- Die Mechanik des Himmels ist
nicht wie ein göttliches Tier, sondern ähnelt eher einer
Uhr (und jeder, der glaubt, dass eine Uhr eine Seele hat, gesteht
ihr die Ehre zu, die ihrem Erfinder gebührt), denn wie bei der Uhr die Vielfalt der
Bewegungen durch ein einziges Gewicht angetrieben werde, gründen die Bewegungen des
Himmels auf einer einzigen magnetischen Kraft, die auf Kalle Körper wirkt.
- Geometrie ist ewig und göttlich.
- Alles in der Welt gehorcht einem
göttlichen Plan, auch eine Schneeflocke ist nicht zufällig
sechseckig.
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